Historie | Geschichte der Altstädter 2

Der Kurfürst braucht Soldaten

Um dieselbe Zeit, wir schreiben den Beginn des Jahres 1758, ist die kurfürstliche Regierung in Bonn mit der Aufbringung neuer Rekruten beschäftigt.

Jupp Runkel lebt als Stellmachergeselle in Deutz gegenüber der Reichsstadt Köln. Trotz der Kriegswirren, die das Land am Rhein vor allem in Form von Durchmärschen fremder Truppen spürt, ist das Leben in der zum Erzstift gehörenden Stadt Deutz geschäftig und lebhaft.

In der Werkstatt des Meisters Manfred Hass erscheinen häufig Fuhrleute, deren Fahrzeuge auf den schlechten Wegen beschädigt wurden. Während ihre Wagen instand gesetzt werden, verbringen sie meist ein paar Stunden im nahegelegenen Gasthaus „Zum goldenen Lamm” oder, wenn sie über Nacht bleiben, in der übel beleumundeten Spelunke „Im Himmelreich”, die nahe am Rhein liegt und in der nicht nur Speisen und Getränke zum Kauf angeboten werden.

„E‘su!” sagt Meister Hass, indem er dem eisernen Splint durch die Öse in der Radachse steckt und festklopft. „Jupp luhr ens jrad in et Himmelreich un sach däm schälen Krumscheid, dä is bestimmp widder besoffe, singe Wahre wöhr fädisch. Dä hat et ja su ilisch.”

Josef Runkel murmelt etwas Unverständliches, aber seinen Ärger Kundgebendes vor sich hin, legt seine Schürze ab, nimmt eine Lodenjoppe vom Haken, setzt sich einen speckigen Filzhut auf und macht sich auf den Weg zur Gaststätte „Im Himmelreich.”

Der Himmel ist trüb wie seine Stimmung. Die langsam hereinbrechende Dämmerung scheint sehr gut zu seiner Gemütslage zu passen. Das Leben bei Meister Hass geht seinen gemächlichen, geordneten Gang, und montags gibt es Suppe, dienstags Gemüse, mittwochs Eierspeisen, aber donnerstags wieder Suppe, freitags gibt es Fisch oder Spinat mit Ei, samstags gestampfte Möhren und sonntags Rindfleischsuppe, für den Meister Hass das Rindfleisch und für die anderen gekochte Fleischwurst. Josef Runkel hat sich sein Leben anders vorgestellt.

In die Reichsstadt Köln, die für ihn Inbegriff von Schönheit und Größe ist, kann er als kurkölner Handwerksbursche nicht gehen. Hier würden sie ihn nicht zulassen. Und Amerika, dachte er, Amerika ist sehr, sehr weit, aber da sollen sie nicht nur eine Straße Freiheit nennen, wie in seiner Heimatstadt Deutz, sondern da sollen sie sie wirklich haben. In diese Gedanken versunken erreichte er die Gaststätte „Im Himmelreich.” Neben dem windschiefen Haus befand sich seit der Bombardierung in der letzten kriegerischen Auseinandersetzung mit den Kölnern eine Freifläche. Auf dieser war zu seiner Überraschung ein weiß-blaues Zelt aufgebaut, vor dem ein Tisch stand, hinter dem ein Herr in eleganter weiß-blauer Kleidung saß. Neben dem Zelt standen ein paar Männer, die an ihren Röcken und Hüten deutlich als Soldaten des Kurfürsten von Köln zu erkennen waren. Einer von ihnen hatte an einem breiten weißen Riemen hängend eine Trommel vor dem Bauch und schlug unablässig den Takt. „He, Bursche”, rief einer der Soldaten zu ihm herüber, „Komm und schau, was wir hier für Dich haben.” Jupp entgegnete: „Ich muss dem Krumscheid sagen, dass sein Wagen fertig ist.” „Nichts da”, rief der elegante Herr in weiß-blau. „Sofort komm hierher und höre was wir Dir zu sagen haben.” Verdattert trat Jupp auf ihn zu. „Willst Du nicht Soldat werden? Wir geben Dir ordentliche Kleidung, gute Verpflegung und ein reichliches Handgeld!” Jupp antwortete: „Nein, Soldat wollte ich nie werden.”

Einer der Soldaten trat auf ihn zu, legte ihm den Arm um die Schulter und sagte: „Naja, nichts für ungut, aber zu einem Glas Schnaps dürfen wir Dich doch einladen.” Gegen ein Glas Schnaps hatte Jupp nichts einzuwenden, und er ging mit dem Soldaten in die Spelunke „Im Himmelreich” hinein. Der Soldat bugsierte ihn zielgenau an einen großen Tisch in der Ecke, an dem bereits andere junge Männer saßen. Sie alle hatten Schnaps vor sich stehen, und ein paar Soldaten saßen ebenfalls an diesem Tisch. Ohne nachzufragen schütteten die Soldaten den anderen jungen Männern am Tisch immer wieder Schnaps ein. Schon hatte Jupp einen Tonstamper vor sich stehen, als er im Aufstehen sagte: „Ich muss dem Krumscheid sagen…” Weiter kam er nicht, denn der Soldat drückte ihn wieder auf den Platz nieder und sagte: „Erst trinkst Du einen.” Wie viel er zum Schluss getrunken hatte, wusste Jupp nicht mehr. Irgendwann forderte einer der Soldaten die jungen Männer am Tisch auf, ihm zu folgen. Wankend und stolpernd folgten sie ihm ins Freie und gelangten wie ganz von selbst an den Tisch, der vor dem weiß-blauen Zelt stand. Hier fragte der Soldat mit harter und bestimmender Stimme jeden einzelnen nach seinem Namen, und sobald dieser genannt worden war, nahm er die Liste, die auf dem Tisch lag, und der genannte Name wurde durch einen Schreiber eingetragen. Dann wurde der entsprechende Namensträger aufgefordert, hinter seinem Namen drei Kreuze zu machen, und der elegante Herr in Weiß-blau machte einen unleserlichen Haken an die drei Kreuze.

Auch Jupp hatte seinen Namen, Josef Runkel, genannt und wie alle anderen drei Kreuze hinter ihm gemacht.

Als alle fünfzehn jungen Männer ihre Kreuze hinter ihrem Namen fertig hatten, wurden sie in sehr barschem Ton aufgefordert zu folgen. Der nun folgende kleine Marsch endete am Rhein in einem bauchigen Boot, das an einem Anleger festgemacht war.

Kaum hatten alle fünfzehn sowie die begleitenden Soldaten im Boot Platz genommen, legte dieses, von zwei kräftigen Ruderknechten bewegt, ab. Die Fahrt ging stromaufwärts bis kurz hinter Rodenkirchen, wo nah bei dem Dorf Weis am linken Rheinufer angelegt wurde. Die begleitenden Soldaten trieben die fünfzehn jungen Männer, die durch Genuss des Schnapses deutlich gezeichnet waren, aus dem Boot. Von nun an ging die Reise zu Fuß weiter immer stromaufwärts bis nach Bonn. Einer der jungen Männer fragte „Was soll das?” Er wurde angeherrscht: „Halts Maul, Du bist jetzt Soldat.” Als sie nach langem nächtlichen Marsch in Bonn ankamen, wurden sie sofort in die kleinen Unterkunftshäuser in der Kasernenstraße gebracht.

Man wies ihnen Liegeplätze zu und hieß sie zu ruhen.

Am nächsten Morgen wurden sie früh vom Lager getrieben und mussten sich auf dem Hof einer neben dem anderen aufstellen. Ein mittelgroßer rothaariger Mann in der Uniform des Kurfürsten stellte sich vor sie hin und fragte: „Ist jemand von euch Acker- oder Weinbauer?” Und als keiner von den fünfzehn etwas sagte, stellte er mit Befriedigung fest: „Also niemand, dann bleibt ihr alle hier.” Dann erklärte er ihnen, sie seien nun Angehörige des Landregimentes, das die Stände des Erzstiftes dem Kurfürsten für den Reichskrieg gegen den Reichsfeind, den König von Preußen zur Verfügung stellen würden.

Jupp war das ziemlich gleichgültig, denn er hatte das Gefühl in etwas sehr Unangenehmes hineingeraten zu sein. Er wollte zwar den Meister Hass verlassen und die Welt sehen, aber auf diese Weise hatte er es sich nicht vorgestellt.

Die nächsten Tage vergingen mit Einkleidung und dem Beginn des Exerzierens. Jupp wurde wegen seiner Größe und seiner kräftigen Konstitution bei den Grenadieren eingeteilt. Er erhielt neben den schwarzen Gamaschen, der weißen Hose, dem weißen Kamisol, dem grünen Rock mit Tressen, einen Säbel, eine schwarze lederne Patronentasche für Zündhütchen, die vor dem Bauch zu tragen war, sowie auch eine Grenadiermütze. Diese war nicht wie bei den Grenadieren, die auf Kosten des Kurfürsten geworben wurden, aus Bärenfell, sondern hatte ein aus gelbem Metall geprägtes Schild, an welches ein Stoffbeutel angenäht war. Die Tuchmütze der Landmiliz ist rot, Ornamente und Nahtkanten waren gelb bordiert. Landmilizgrenadier Joseph Runkel sah schmuck aus.

Jupp war aber nicht sehr glücklich, als er erfuhr, dass er Schuhe, Gamaschen, Hose, Kamisol und alles Lederzeug selbst bezahlen müsse, wogegen der Rock und die Grenadiermütze von den Landständen übernommen würden. Er wollte abhauen. Da sie jedoch Tag und Nacht bewacht wurden, war an Entweichen zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken.