Historie | Geschichte der Altstädter 4

Aber Heimweh hatte Jupp doch.

Jupp blieb bei der Armee, und so kam am 30. Juni der Stellmachergeselle Josef Runkel aus Deutz bei Saatz in Böhmen das erste Mal ins Gefecht. Der preußische Prinz Heinrich ließ die österreichischen Vorposten bei Rehau angreifen und überrannte diese. Das schnelle und beherzte Eingreifen der Kurkölner brachte den preußischen Angriff zum Stehen und durch den Gegenangriff eines österreichischen Regimentes wurden die Preußen geworfen. Jupp hatte sich aus Angst keinen Millimeter von seinem Fleck weg bewegt. Er hielt die Muskete fest umklammert und war somit wider Willens das Bild von Mut und Entschlossenheit inmitten von surrenden Geschossen, obwohl es die Furcht war, die seine Beine lähmte, nicht Mut und nicht Entschlossenheit ihn an diesem Platz hielten. So hatte er sich den Krieg nicht vorgestellt, und das hatte ihnen auch keiner gesagt, bei dem Drill, durch den man alle Griffe des Gewehrs erlernt, und dem Exerzieren, um im Gefecht die Bewegungen der Truppe mit ausführen zu können. Er hatte überlebt.

Am 30. Juli wurden die fünf kurkölner Regimenter von der Hauptarmee getrennt und mit einigen österreichischen Regimentern zu einem „Corps de Reserve” unter dem Kommando des Generals von Macquire zusammengestellt.

Im Corps de Reserve wurde viel marschiert, und für die Ehre, die es für die Kurkölner bedeutete, zusammen mit kaiserlichen Truppen eingesetzt zu werden, konnten sich die Männer aus den Rheinland nichts kaufen. Jupp hatte Blasen an den Füßen und die Ausrüstung zog gewaltig an der Schulter. Die Grenadiermütze drückte. Die Verpflegung war schlecht aber ausreichend. Oft dachte er jetzt an den Meister Manfred Hass, dessen geregelter Tagesablauf ihm plötzlich als gut erschien. Aus den Gedanken holten ihn aber regelmäßig die Kommandos: „In Linie angetreten”;

„Richt Euch”; „Augen gerade aus”; „Ohne Tritt Marsch” und das Schlagen der Trommel heraus.

Dann ging es gegen den Feind, der in die anrückenden Linien hineinfeuerte und mancher Kamerad, der eben noch derbe Witze gemacht hatte, sackte tot oder verwundet zusammen. Die Angst marschierte immer mit. „Held ze sin is e scheiß Spill,” dachte er bei sich.

Anfang September wurde das Reservecorps zur Belagerung der Festung Sonnenstein, in der 1500 Preußen eingeschlossen waren, eingesetzt. Der Hauptmann d‘Ossery, ein Wallone, fragte seine Grenadiere: „Versteht sich einer von Euch Kerls auf den Bau von Rädern und Wagen? Wir brauchen neue Lafetten und Rammböcke.” Joseph Runkel erkannt seine Chance und rief laut: „Herr Hauptmann, ich bin Stellmaacherjesell, ich kann esujet.” „Zum Train, zum Train mit ihm,” war die Antwort. Jupp grüßte durch Präsentieren des Gewehrs und lief zurück zum Train, der beim Regiment Wildenstein aus zwei Feldgeschützen, vielen Bagagewagen, Packpferden und einer Feldschmiede bestand.

Ein dicker Feldwebel mit rotem Kamisol stand breitbeinig da und fragte Jupp wohin sein Weg führen solle. Jupp erklärte ihm, dass er zum Train solle, um zu arbeiten, denn er sei von Beruf Stellmacher. Dies erfreute den Feldwebel und er sagte gutmütig: „Ja, dann bist Du willkommen. Ich heiße Matthias, hier beim Train sagen wir alle Du außer zum Herrn Leutnant von Weed, der die Bagage führt. Aber erst einmal brauchst Du ein anderes Kostüm, denn als Grenadier kannst Du hier nicht rumlaufen. Du bekommst einen Arbeitskittel und einen Hut beim scheelen Hannes dahinten und ein Paar Stiefel wird Dir Sebastian, unser Sattler, machen. Hier musst Du nämlich reiten. Der Riese dahinten ist unser Schmied Peter, und dann haben wir hier auch noch die Fuhrknechte und die Zimmerleute, die aber bei der Belagerung als Sapeur eingesetzt sind.”

Jupp hatte das Gefühl es gut angetroffen zu haben. Er ging zum scheelen Hannes und erhielt einen Arbeitskittel und einen Hut, seine Muskete tauschte er gegen einen kurzen Karabiner; den Grenadiersäbel gab er ab und erhielt ein Faschinenmesser mit Sägezahn. Er empfand kein Bedauern, auch wenn er in den Augen der Grenadiere seine Ehre verloren hatte.

Zusammen mit dem Schmied Peter baute er nun wieder Räder. Er schlug Holz, bog es über Feuer rund, drechselte Speichen, verklammerte Blattfedern, wechselte zerschossene Blanken aus. Die Verpflegung wurde durch gewilderte Kaninchen und gesammelte Beeren aufgebessert und das Exerzieren entfiel. Auch Leutnant von Weed war ein erträglicher Vorgesetzter, ein Mann ohne große Begabung, den seine Familie wegen guter Beziehungen zum kurfürstlichen Kanzler und zum Kriegskommissariat bei den kurfürstlichen Truppen untergebracht hatten. Sein Interesse beschränkte sich auf den Erhalt seiner prächtigen Uniform, der Möglichkeit zu Amouren, dem Kartenspiel und Saufgelagen. Die Heeresverwaltung hatte den weisen Entschluss gefasst, ihn beim Train einzusetzen. Jupp störte das nicht, denn v. Weed überlies alles dem Feldwebel Matthias Hömig, der ein Organisationstalent war, und trotz seiner Leibesfülle sich gewandt und sicher bewegte und im ganzen Regiment in hohem Ansehen stand.

Es wurde gemunkelt, der Hömig sei das uneheliche Kind eines Kölner Domherrn und einer Dienstmagd, was zumindest erklären würde, warum er selbst beim Regimentskommandeur stets ein offenes Ohr fand.

Von seiner Feldwerkstatt aus konnte Jupp beobachten, wie die Festung Sonnenstein beschossen wurde, die Regimenter Nagel und Elverfeld in die Stadt eindrangen und die Laufgräben besetzten und sein Regiment Wildenstein zusammen mit dem Rest des Reservecorps eine Linie um die Festung zogen.

Am nächsten Tag, früh morgens, sah er die Preußische Festungsbesatzung mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen aus der Festung marschieren. Was für ein Anblick, die Marschordnung wurde beim Ausmarsch exakt eingehalten. Wie auf dem Paradeplatz wurde die Marschordnung zur Linie verändert, und auf Kommando legten alle preußischen Soldaten gleichzeitig vor dem kurkölnischen Regiment Nagel ihre Waffen nieder. Preußen hatten vor Kurkölnern kapituliert. Jupp gefiel der Anblick dieses militärischen Schauspiels. Feldwebel Hömig sagte laut: „Da hab ich lang drauf gewartet – die Preußen strecken vor uns die Waffen – seht ihr, ihr gedrillten Affen, auch der Herr von Fünfkirchen hat gute Soldaten.” Er drehte sich um und rief mit donnernder Kommandostimme: „Train Achtung! Bagage zusammenpacken! Zum Einrücken nach Sonnenstein vorbereiten! Marsch, Marsch.”

Ganz so schnell wie die Kommandos es verlangt hatten ging es aber dann nicht, und auf den Train hatte eigentlich auch niemand gewartet. Als Jupp mit dem Wagen, den er nun fuhr, in die Stadt gelangte, waren die Straßen schon voll mit weißen und blauen Uniformen. Überall hörte man mal den rheinischen, dann den westfälischen Idiom, dann wieder Ungarisch aber auch den langgezogenen Wiener Akzent und Französisch, was die Angehörigen der wallonischen Regimenter des Kaisers sprechen.

Jupp bog mit seinem Wagen in eine große Hofeinfahrt ein, die zu einem Gasthaus gehörte und in die ihn der Feldwebel Hömig hinein gewunken hatte. Er schirrte die Pferde aus, führte sie in einen Stall, streifte ihnen Hafersäcke über und ging in die Gaststube. Sie war brechend voll mit Soldaten. Matthias Hömig hatte für sich und seine Leute eine Ecke erobert und winkte Jupp zu sich. In der Kneipe spielte eine Zigeunerkappelle, und eine junge Frau mit großen schwarzen Augen sammelte mit einem alten Hut Geld, was die Soldaten reichlich gaben. Die Wirtin des Gasthauses trieb ihre Mägde an, im Bedienen nicht müde zu werden und fleißig Bier, Schnaps und Essen zu verkaufen. Jupp lies sich auf die Bank neben Hömig fallen. Er verlangte ein Bier und bestellte gekochte Fleischwurst.

Ein Mädchen mit blonden Haaren brachte ihm das Verlangte. Während er bezahlte trafen sich ihre Blicke und es wurde ihm warm, so als ob er einen Glühwein getrunken hätte, zugleich fühlte er im Magen ein Unwohlsein und ihm entfiel die Möglichkeit sich auf irgendetwas außer auf die junge Frau zu konzentrieren. Als sie weggegangen war brummte Hömig neben ihm: „Das Junge, das hat keinen Zweck, das tut nur weh, manchmal sogar sehr.” „Was meinst Du Matthes?” fragte Jupp. „Ich meine, das was da in Deinem Kopf, und nicht nur da, gerade passiert ist, als die Frau hier war, das, Jupp, das meine ich.” Jupp schaute verlegen zur Seite. Aber was ging es den Hömig überhaupt an, dachte er, und wenn ich morgen totgeschossen werde, fragt auch keiner, ob ich das Leben genossen habe oder nicht.

Es wurde spät und später, zehnmal hatte die Bedienung noch Bier gebracht und er war berauscht, berauscht von Alkohol und berauscht von dem Gedanken an diese Frau. Die Gaststube lehrte sich schnell, als die Signale des Zapfenstreichs erklangen. Die Klänge galten nicht für den Train, da er in dem Gasthaus untergebracht war. Das gefiel Jupp gut. Aber Hömig befahl, dass Wachen aufzustellen wären im Hof und vor dem Haus. Jupp meldete sich für die erste Wache und hoffte danach noch einmal in die Kneipe zurück zu können. Die Nacht war kalt, und die zwei Stunden, die er auf Wache gehen musste, vergingen langsam. Als er danach in die Gaststube zurückging, war nur noch die Wirtin da und war mit ihrer Abrechung befasst. Jupp hätte schreien können.

Traurig ging er in den Hof, um sich im Stall zu den Pferden zu legen. Kurz vor der Stalltür hörte er eine Frauenstimme: „Na Soldat, willst du schlafen gehen?” Jupp war wie benommen, es war sie. „Ja ich will schlafen.” Du Blödmann, schoss ihm durch den Kopf. „Aber nicht sofort,” setzte er hinzu. Aber es war der Augenblick zwischen Chance und Niederlage, und er hatte einen Moment zu lange gezögert. „Schade, dass Du schlafen willst,” sagte das Mädchen, drehte sich um und schaute im Weggehen über die Schulter zurück. „Die Preußen schießen schneller,” hörte Jupp sie sagen, und ihre Schritte entfernten sich über den Hof. Er hätte sich selbst ohrfeigen können über diese verpasste Chance.

Die Ruhe im Quartier in Sonnenstein sollte nicht lange dauern. Nach wenigen Tagen mussten sich die Kurkölner auf den Weg machen zur Unterstützung des kaiserlichen Generals Hadik. Am 13. November 1759 erreichten die Kurkölner die Regimenter sowie das kaiserliche Infanterieregiment Lichtenstein und das Pfälzer Dragonerregiment Eilenburg an der Mulde. Joseph Runkel war weiterhin beim Train und folgte der Truppe mit seinem Wagen. Er setzte Wagen instand, die infolge der schlechten Wege zu Schaden kamen und half dem Schmied, wenn er einer Assistenz bedurfte. Seine Gedanken waren trüb, er wollte weg von der Armee.

Am 15. November kam es zu einem Gefecht mit preußischen Truppen. Die Kurkölner befanden sich bereits auf dem Rückmarsch, als die Nachhut angegriffen wurde. Jupp musste sich mit dem Karabiner wehren und die Attacke eines preußischen Husaren abwenden, der mit drohend geschwungenem Säbel auf ihn losstürmte.

Jupp wehrte sich so heftig, dass der Husar sich zur Flucht wandte.

Das Regiment setzte nach dem Kampf seinen Marsch fort und ging in Meinigen in die Winterquartiere.

Der Generalmajor von Nagel, wollte nach Bonn reisen, um dem Kurfürsten und dem Kriegskommissariat zu berichten. Eine kleine Equipe sollte ihn begleiten und Feldwebel Hömig suchte Joseph Runkel als Fahrer des diesen Trupp begleitenden Bagagewagens aus. So verließ Jupp mit seinem Wagen das Winterlager. Vom Feldwebel Hömig verabschiedete er sich herzlich und fuhr durch regennasse und zum Teil verschneite Landschaften nach Westen, nach Bonn.

Der Feldzug war zu Ende. Aber das Jahre 1759 würde den erzstiftlichen Truppen neue Kämpfe bringen. ...